Niederröblingen/Sangerhausen und Schönebeck (Elbe). Studie zu frühneolithischen Siedlungsstrukturen im Mittelelbe-Saale-Gebiet (MESG).

In Studien zu frühneolithischen Siedlungsstrukturen sind Brunnenbefunde nicht mehr wegzudenken. Der zentrale Befund des Promotionsvorhabens – der bandkeramische Kastenbrunnen von Niederröblingen und zugleich das älteste Holzbauwerk Sachsen-Anhalts – soll deshalb mit seinem umfangreichen Fundspektrum einen wesentlichen Platz einnehmen. Die Brunnen spiegeln aufgrund ihres lebensweltlichen Bezuges, z.B. als Trinkwasserreservoir, nicht nur im Frühneolithikum den Ablauf von Gründung, Fortbestehen und Aufgabe im Idealfall der jeweiligen Siedlung wieder. Sie bezeugen zudem mit ihren seltenen Funden, z. T. in organischer Erhaltung, den funktionalen und ästhetischen Reichtum längst vergessener Holzbearbeitung.

Zu diesen unter der Erde konservierten und bislang vergessenen Einschlüssen gehören auch Materialien und Beobachtungen, die es uns im Idealfall erlauben blitzlichtartige Auszüge des kulturellen Verhaltens zu rekonstruieren. Für diese Rekonstruktionsversuche ist es unerlässlich, die z. T. sensiblen Artefakte aus den Brunnen detailgetreu wiederzugeben, um ein Vergleich mit weiteren Hinterlassenschaften anzustrengen. Nur so ist es möglich Handlungsmuster zu erkennen, die es uns gestatten Rückschlüsse auf die
Grundphänomene frühbäuerlicher Siedlungsweise zu forcieren. Zu diesen auch aktuell hochinteressanten Thema gehört z.B. das Paradoxon von der Verunreinigung der eigentlich sauber zu haltenden Brunnenanlagen. Es zeichnet sich ab – und dies ist zugleich ein wesentliches Zwischenergebnis des Promotionsvorhabens, dass in den Brunnen oftmals Abfälle eingebracht wurden. Dies steht vermeintlich im Widerspruch zur Qualität des Brunnenwassers. Durch die archäologischen Dokumentation ist jedoch klar, dass wir eine zeitliche Tiefe in jeder individuellen Brunnengeschichte nachzeichnen können. Neben dem zu vermutenden und permanenten »Missbrauch« der Brunnen als Abfallcontainer lässt sich nachweisen, dass die Brunnen ständig gereinigt werden mussten, gerade weil sie durch kulturelle und natürlich Einträge zu verlanden drohten. Regelrechte »Schlussakte« der Abfalleinbringung in die Brunnenschächte verdeutlichen obendrein die Sozial-, Wirtschafts- und Prestigezyklen, die es in einer bandkeramischen Siedlung gegeben haben muss. Als aktueller Vergleich mag man gelten lassen, dass auch heutige Krisen wie Haushaltsauflösungen, Firmenpleiten oder devastierte Wohnviertel (wie z.B. Kasernen) Zentren und Auslöser von gesteigertem Abfallaufkommen sind.

»Abfall« als kulturübergreifender Archetypus ist deshalb nicht irgendeine Fund- sondern eine Befundkategorie und ein regelrechtes Forschungsfeld dessen sich die Archäologie noch nicht in Gänze bewusst ist. Dies zeigen m. E. die vielen Fehldeutungen von Abfallhaufen in Brunnen als »Opferschächte«, »Opferplätze« oder »Kulthandlungen« u. s. w., wenngleich die Existenz solcher Orte grundsätzlich nicht
abgestritten, jedoch differenzierter betrachtet werden soll. Der erfreuliche Nachweis selbst von 7000 Jahre altem »Abfall« ist deshalb in der Forschung nur als Diskussion zu etablieren wenn die Abfallbestandteile, d.h. die Funde, präzise z.B. als Zeichnungen wiedergegeben werden. Zugleich könnte es gelingen einen wichtigen Beitrag zu einem wesentlichen Desiderat in der Archäologie beizusteuern: die methodische Unterscheidungsmöglichkeit zwischen profanem und sakralem Abfall.

Für diese komplexe Aufgabe wurde die Förderung bei der Archäologischen Gesellschaft in Sachsen-Anhalt im Rahmen der »PROJEKTFÖRDERUNG | ARCHÄOLOGIE | 2014« beantragt. Mittels dieser Förderung konnten 535 Fundobjekte – sowohl aus den Brunnen sowie aus dem weiteren Siedlungsumfeld des Fundplatzes Niederröblingen – dokumentiert werden. Diese Förderung wird es mir – neben den oben erwähnten Fragestellungen – erlauben auch chronologische Schwerpunkte darzustellen.

Text: R. Wollenweber M.A.

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