Altsteinzeitliche Jäger an der Weißen Elster – Besuch der Ausgrabung auf dem „Rosinenberg“ bei Oberthau am 14. September 2018

Abb. 1: Die Exkursionsteilnehmer lassen sich die Befundsituation erklären.

Seit 1965 hat der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger – unser Vereinsmitglied – Wolfgang Bernhardt auf dem „Rosinenberg“ bei Oberthau rund 1400 ausgepflügte Feuersteinartefakte geborgen. Der Ortsteil der Gemeinde Schkopau im Saalekreis liegt unweit vom Schkeuditzer Kreuz in der Aue der Weißen Elster in einer von intensiver Landwirtschaft geprägten Region. Neben Feuersteinabschlägen, Klingen und Kernen wurden auch drei sogenannte „Ahrensburger Stielspitzen“ ausgepflügt, Belege für die Zuordnung des Platzes zur gleichnamigen Kultur des Spätpaläolithikums um etwa 11.000 v. Chr. Diese nach einer Ortschaft bei Hamburg benannte Kultur gehört in eine besonders spannende Phase an der Wende von der letzten Eiszeit zur warmzeitlichen geologischen Gegenwart (Holozän). Nachdem es im Gefolge des eiszeitlichen Kältemaximums seit etwa 17.000 v. Chr. allmählich wärmer geworden war und erste menschliche Populationen das Flachland des nördlichen Mitteleuropa erneut zu besiedeln begannen, kam es vor etwa 12.680 „Warvenjahren“ (gezählt anhand jahreszeitlich geschichteter Ablagerungen in Skandinavien) zu einer plötzlichen Abkühlung, die etwa ein Jahrtausend andauerte. Die Gletscher stießen wieder vor und die Tundra breitete sich aus. Die Ahrensburger Jäger, spezialisiert auf Rentiere, lebten in einer Region am Südrand der Ostsee, die auch das südliche Nordseeküstengebiet umfasste und die damals wegen des in den Gletschern gespeicherten Wassers noch großflächig trocken liegende südliche Nordsee selbst. Oberthau ist einer der südlichsten Fundplätze. Über die Ursachen der nach der arktischen Pflanze Dryas octopetala „Jüngere Dryaszeit“ benannten plötzlichen Abkühlung gibt es verschiedene Hypothesen – von Vulkanausbrüchen bis zum Einschlag eines Kometenbruchstücks. Freigesetzte Staubmassen hätten dann die Sonne verdunkelt und so die Abkühlung bewirkt. Auch ein Szenario wie beim Hollywoodfilm „The Day After Tomorrow“ wäre denkbar – plötzliche Abkühlung infolge Ausbleibens des den Nordatlantik wärmenden Golfstroms. Diese Abkühlung hätte paradoxerweise durch den Abtauprozess des großen nordamerikanischen Eisschildes der letzten Kaltzeit ausgelöst werden können. Der Zustrom von Süßwasser hätte dann den Golfstrom unterbrochen.

Abb. 2: Eine Ahrensburger Stielspitze, die während der Grabung geborgen wurde.

Ziel der Grabung war es festzustellen, ob außer den ausgepflügten Funden auch Befunde im Boden erhalten geblieben waren. Bereits 2015 war der Oberflächenfundplatz durch einen Suchschnitt sondiert worden, 2018 sollten Erkenntnisse über die Lagerungsbedingungen der Artefakte und Rückschlüsse auf Art und Funktion des Fundplatzes gewonnen werden. Die freigelegten Befunde wurden durch den Grabungsleiter Hans Ansorg vorgestellt (Abb. 1); auch die Funde konnten besichtigt werden.

Ausgegraben wurde in schachbrettartig versetzten Quadraten, um das Areal möglichst umfassend zu erkunden. Das Vorhandensein einer Fundschicht wurde bestätigt. Unter einem dünnen Band sandigen Sedimentes in 40 cm Tiefe mit verlagerten Feuersteinartefakten – wohl aus der Mittelsteinzeit –  befanden sich die Artefakte in der darunter liegenden, humosen Schicht noch nahezu in ihrer „in situ“ Schlagposition. In Fundakkumulationen mit Durchmessern zwischen 15 und 40 cm wurden jeweils zwischen 5 und 30 Artefakte entdeckt. Zu den Funden zählt auch eine weitere Stielspitze, die sich besonders durch ihre Länge und schmale Beschaffenheit auszeichnet, mit einer steilen Retusche an beiden Seiten des Stiels. Das Funktionsende hingegen ist spitz und nicht retuschiert (Abb. 2).

Eine erste Betrachtung und Einschätzung der im Rahmen der Grabung geborgenen Funde bestätigte so die Zugehörigkeit zur Ahrensburger Kultur. Neben der typischen Ahrensburger Stielspitze sprechen auch überdurchschnittlich große Klingen (Längen bis zu 8 cm) dafür, ebenso wie die Beschaffenheit der wenigen gefundenen Klingenkerne, zum Teil in bipolarer Abbauweise, sowie die speckig glänzende Patina sämtlicher Funde der humosen Schicht. Um die ehemalige Nutzung des Areals bestimmen zu können, ist es jedoch notwendig, den Fundplatz ist seiner Gesamtheit zu erfassen und auszugraben. Dies wird voraussichtlich im Sommer 2019 erfolgen.

Text: Hans Ansorg u. Thomas Weber

Fotos: Anna Weide

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