Eine Landschaft voller Hügel. Archäologische Spurensuche im nordöstlichen Saalekreis

Abb. 1: Grabhügel auf dem Spitzberg bei Landsberg

Am 24. März 2018 trafen sich zwölf Mitglieder der Archäologischen Gesellschaft um bei Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen den nordöstlichen Saalekreis zu erkunden. Die Exkursion startete am Spitzberg, einer weithin sichtbaren Porphyrkuppe zwischen Hohenthurm und Landsberg. Die Anhöhe wird seit Jahrtausenden von einem etwa drei Meter hohen Grabhügel bekrönt, welcher noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts von Weitem sichtbar war und der Anhöhe ihren Namen, der „Spitzberg“, verlieh (Abb. 1). Ende der 30er Jahre wurde der künstliche Hügel von Gerhard Mildenberger fachmännisch untersucht. Es zeigte sich, dass der Grabhügel auf eine sehr lange Biografie zurückblickt. Die erste Bestattung unter einem nur etwa 10 m breitem Hügel geht auf Träger der Baalberger Kultur (3.900-3.450 v. Chr.) zurück. Einige Jahrhunderte später entstand östlich dieses Primärhügels ein weiterer Grabhügel. Mildenberger konnte in diesem Bereich ein so genanntes Scherbenpackungsgrab der Salzmünder Kultur (3.450-3.100 v. Chr.) dokumentieren. Eine etwa 5 m lange und 2 m breite, West-Ost orientierte Steinsetzung und mehrere Scherben von Gefäßen der Bernburger Kultur (3.100-2.800 v. Chr.) lassen vermuten, dass zwischen den beiden bestehenden Grabhügeln eine Bernburger Totenhütte als Kollektivgrab gesetzt wurde. Solche nachträglichen „Grabhügeleinbauten“ durch Träger der Bernburger Kultur lassen sich auch bei anderen mitteldeutschen Grabanlagen beobachten. Im östlichen Teil der Totenhütte fanden sich auf einem Lehmestrichboden einige wenige Knochen sowie mehrere Gefäße der Schnurkeramikkultur (2.800-2.300 v. Chr.). Es kann angenommen werden, dass es sich hier um eine Nachbestattung innerhalb des Kollektivgrabes handelt. Da nur wenige Funde der Bernburger Kultur im Bereich der Totenhütte ausgemacht werden konnten, ist zu vermuten, dass die Träger der Schnurkeramik die Kammer vor Niederlegung der eigenen Bestattung ausräumten. Spätestens im Zuge der schnurkeramischen Grablegung verschmolzen die beiden Grabhügel der Baalberger und Salzmünder Kultur miteinander, womit der Hügel seine länglich-ovale Form erhielt. Das heutige Aussehen des Hügels geht im Wesentlichen auf die Wiederinstandsetzung nach den Ausgrabungen der 30er Jahre zurück.

Abb. 2: Der so genannte „Burgstetten“ bei Niemberg

Nach etwa zehn Minuten Fahrt erreichten die Teilnehmer unweit Niemberg den Burgstetten. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich bei der imposanten Porhyrerhöhung um den Standort einer längst verfallenen Burganlage. Reste dieser sollen noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Form von Fundamenten und Wällen sichtbar gewesen sein. Die ehemaligen Wälle und Gräben sind heute im Gelände kaum mehr auffindbar. Nur mittels moderner Fernerkundungsmethoden lässt sich das ehemalige Ausmaß der Anlage rekonstruieren (Abb. 2). Die Burganlage wird im Jahr 966 als „Nova urbs“ (Neue Burg) erstmals urkundlich erwähnt. Es wird angenommen, dass der Name des Ortes Niemberg (1184 Neyenburch – „Neue Burg“) die Übertragung der lateinischen Burgbezeichnung „Nova urbs“ ins Deutsche darstellt. Die Burg gehört demnach zu einer Reihe weitere Schutzanlagen im nordöstlichen Saalekreis, welche unter der Burgenverordnung Heinrich des I. entstanden und der Sicherung der slawisch geprägten Grenzmarken sowie als Abwehrmaßnahme gegen die Ungarn dienten. Seit einigen Jahren steht der Burgstetten im Blickfeld großer Unternehmen zum Abbau von Porphyr – Es bleibt zu hoffen, dass die geschichtsträchtige Anhöhe den wirtschaftlichen Interessen der Moderne nicht weichen muss.

Abb. 3: „Geisterhügel“ mit Menhir bei Hohen (OT von Brachtstedt)

Gegen Mittag ging die Tour weiter in Richtung Brachstedt, nur etwa 2 km nordwestlich des Burgstetten gelegen. Im Ortsteil Hohen machten die Teilnehmer Halt am so genannten „Geisterhügel“, einem Grabhügel mit Menhir (Abb. 3). Als Teil der archäologischen Wanderroute zählt dieser Hügel zu einem der eindrucksvollsten Denkmäler der Region. Die Grabanlage ist bislang nicht untersucht, weshalb über deren Alter nur spekuliert werden kann. Sicher ist nur, dass die Porphyranhöhen zwischen Hohen und Brachstedt noch bis ins 19. Jahrhundert hinein von mindestens fünf weiteren Grabhügel bekrönt wurden. Diese reihten sich entlang der nach Norden steil abfallenden Reliefkante zur Fuhne-Niederung hin. Somit dürften die Grabhügel bereits aus weiter Entfernung sichtbar gewesen sein, was deren anzunehmende Funktion als Landmarken, möglicherweise auch zur Kennzeichnung territorialer Grenzen, unterstreicht. Leider mussten viele der Hügel den Anforderungen einer modernen Landwirtschaft, verstärkt seit dem 19. Jahrhundert, weichen.

Abb. 4: Grabhügel auf dem Heidenberg bei Brachstedt

Nach nur etwa 15 Minuten Fußweg erreichte die Gruppe schließlich die letzte Station des Tages, den Heidenberg in Brachstedt. Auch hierbei handelt es sich um einen prähistorischen Grabhügel imposanten Ausmaßes (Abb. 4). Ursprünglich bekrönte auch diesen Hügel ein Menhir – sein Verbleib ist jedoch in Vergessenheit geraten. Anstelle des Menhirs errichtete man Ende des 19. Jahrhunderts ein Kaiserdenkmal. Die großartige Aussicht über die Fuhne-Niederung im Norden und das Frühlingswetter boten abschließend Anlass zu Kaffee und Kuchen und interessanten Diskussionen (Abb. 5). Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern für das Interesse und blicken weiteren spannenden Exkursionen entgegen.

Abb. 5: Kaffee und Kuchen auf dem Heidenberg bei Brachstedt

Text: Martin Freudenreich

Fotos: Anna Weide

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